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DAS ERBE DER RUNEN
Monika Felten
Leseprobe: "Die
Nebelsängerin"
Was immer Ajana sich unter der Garnison
am Wilderwil vorgestellt hatte - dies hier
gewiss nicht. Mühsam hatte die kleine
Gruppe um Bayard den steilen und serpentinenreichen
Weg erklommen, der von der südlichen
Ebene zur Garnison hinaufführte, und
war nun endlich am vorläufigen Ziel
ihrer Reise angekommen.
Ajana war erschöpft.
Ihre Füße schmerzten und bei
jedem Schritt hatte sie das Gefühl,
als stäche ihr ein Messer in die Seite.
Sie musste sich sehr anstrengen, um nicht
hinter den anderen zurückzubleiben,
aber sie hatte nicht geklagt und sich tapfer
vorangekämpft.
Nach Luft ringend stand sie neben Keelin
und Maylea und schaute im letzten Licht
der Abenddämmerung auf den Ort, der
ihnen in der kommenden Nacht Obdach bieten
sollte. Im Grunde war er nicht mehr als
eine Ansammlung niedriger, gedrungener Holzbauten
auf steinernem Fundament, die sich finster
von den steilen Felswänden ringsum
abhoben. Nur das größte Gebäude
war erhellt. Durch die Ritzen der geschlossenen
Fensterläden drangen schmale Streifen
gelben Lichts, und aus dem Innern waren
leise, undeutliche Stimmen zu vernehmen.
„Na, dann wollen wir
mal!“ Bayard gab das Zeichen zum Aufbruch
und ging allen voran den flachen Hang hinab,
der zur Garnison führte. Mit großen
Schritten überquerte er den freien
Platz vor den Häusern, hielt unbeirrt
auf das erhellte Gebäude zu und griff
nach dessen Türknauf. Unter protestierendem
Quietschen gab das rostige Metall nach
und die Tür schwang auf.
Ein unerträglicher Gestank nach Schweiß,
Alkohol und Erbrochenem schlug ihnen entgegen.
Die Gespräche verstummten. Zwei Dutzend
derbe Gesichter fuhren herum und musterten
die Neuankömmlinge mit einer Mischung
aus Überraschung und Misstrauen in
den Augen. Die Männer, die in kleinen
Gruppen zusammenstanden oder an einem der
eilig zusammengezimmerten Tische aus Holzbrettern
und einem ausgedienten Fass hockten, wirkten
ungepflegt. Ihre Kleidung war verschlissen
und es war offensichtlich, dass mehr als
die Hälfte von ihnen betrunken war.
Etwas stimmte hier nicht.

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„Thorns heilige Rösser,
was geht hier vor?“ Bayard hatte den
ersten Schrecken überwunden und starrte
auf die heruntergekommenen Gestalten, die
den Pass am Wilderwil bewachen sollten.
Mit energischen Schritten ging er auf einen
der Krieger zu und packte ihn am Kragen.
„Wo ist der Heermeister?“, herrschte
er ihn an.
„D ... da!“ Der Krieger duckte
sich wie unter einem Hieb, senkte den Blick
und deutete in eine Ecke des Raums, wo ein
laut schnarchender Kataure inmitten einer
Lache aus Erbrochenem am Boden lag.
Bayards Miene verfinsterte sich. Angewidert
von dem jämmerlichen Anblick, versetzte
er dem Krieger einen Stoß und stapfte
mitten in den Raum. „Also gut!“,
rief er mit zornesbebender Stimme. „Wenn
ihr mir nicht augenblicklich erklärt,
was dieses widerliche Gelage zu bedeuten
hat, werde ich es aus euch herausprügeln.“
Niemand antwortete. Die Hände der Männer
im Raum wanderten wie auf ein geheimes Kommando
hin zu den Waffen.
Ajana hielt den Atem an. Neben ihr raschelte
es leise. Auch ihre Begleiter waren auf
eine mögliche Auseinandersetzung gefasst.
Bayard hingegen tat so, als spürte
er die Bedrohung nicht. „Wo sind die
Wachen?“, fuhr er die Männer
an. „Auf dem Weg hierher sah ich nicht
einen Posten. Und in der Schlucht ...“
„Wachen?“ Das Scharren von Füßen
wurde laut. Ein hoch gewachsener Krieger
erhob sich und trat vor. Auf dem verdreckten
Umhang prangte mit Schwert und Krone das
verblichene Wappen der Onur. „Wachen?“,
spottete er noch einmal und spie auf den
Boden. „Wozu Wachen?“
„Wozu?“ Bayard war außer
sich. „Auch am Wilderwil sollte bekannt
sein, dass wir uns im Krieg befinden.“
„Krieg!“ Der Onur schnaubte
abfällig. „Der Krieg ist längst
verloren. Die Uzoma gehen in Nymath ein
und aus, wie es ihnen gefällt. Sie
morden und brandschatzen, ohne dass wir
etwas dagegen unternehmen können.“

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„Heißt das, ihr
versucht nicht einmal, sie daran zu hindern?“
Bayard tobte vor Wut.
„Könnt Ihr fliegen?“ Völlig
unbeeindruckt vom Zorn des Katauren, griff
der Onur nach einem Bierkrug und leerte
ihn in einem Zug. „Könnt Ihr?“,
fragte er noch einmal zynisch lauernd und
wischte sich den Schaum mit dem Ärmel
vom Mund. „Das müsstet Ihr nämlich
können, um den Uzoma Einhalt zu gebieten.“
„Lagaren!“, entfuhr es Bayard.
„Erraten.“ Der Onur nickte und
fuhr mit gesenkter Stimme fort: „Die
Hälfte unserer Kameraden kam bei dem
sinnlosen Versuch um, diese Bestien mit
Pfeilen aufzuhalten.“ Er stellte den
Krug ab und trat auf den Heermeister zu.
„Habt Ihr sie schon einmal aus der
Nähe gesehen?“, fragte er leise.
„Die aufgedunsenen Gesichter jener,
die den Atem der Lagaren zu spüren
bekamen? Habt Ihr gesehen, wie die Haut
blutige Blasen schlägt? Wie ihnen Blut
und Galle aus dem Mund quellen? Na? Habt
Ihr das jemals mit eigenen Augen gesehen?“
„Nein.“
„Das dachte ich mir.“ Der Onur
wandte sich ab und deutete auf die Umstehenden.
„Aber wir haben es gesehen. Wir haben
sie sterben sehen. Wir standen hilflos daneben,
wie sie ihr Leben qualvoll aushauchten,
und begruben ihre geschundenen Körper.“
Er fuhr herum und schob sein Gesicht so
nahe an Bayard heran, dass die Nasen sich
fast berührten. „Und jetzt sage
ich Dir eines, Heermeister“, zischte
er. „Für uns ist der Krieg vorbei.“

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